Donnerstag, 30. Dezember 2010

Zum Thema Schulsozialarbeit an Kaufbeurer Schulen

Die Allgäuer Zeitung berichtet in ihrer Ausgabe vom 30.12.2010 über die Sitzung des Kaufbeurer Stadtrates vom 21.12.2010 zum Thema Schulsozialarbeit. Der Artikel findet sich im Internet.

Der Bericht ist allerdings in mehrfacher Hinsicht ergänzungsbedürftig:

Als ich im Januar 2008 anlässlich der damaligen Haushaltsberatungen im Finanz- und Verwaltungsausschuss eine Evaluation der äußerst kostenintensiven sozial- und jugendpolitischen Maßnahmen der Stadt Kaufbeuren, auch der Schulsozialarbeit, nach Aufwand und Nutzen gefordert hatte, wurde ich von Bernhard Pohl (Freie Wähler) und Dr. Wolfgang Schmied (SPD) heftig attackiert. Pohl und Schmied behaupteten, dass es für Schulprobleme bei Jugendlichen, Arbeitslosigkeit, Gewalt- oder sonstige Kriminalitätsphänomene überhaupt keine anderen Ursachen als „soziale Benachteiligungen“ geben könne, die mit Hilfe von Schulsozialarbeit und „Streetworkern“ zu beheben seien. Mein Einwand, dass es wohl immer auf den jeweiligen Menschen selbst ankomme, den man, im übrigen wie seine Eltern, nicht aus der Verantwortung entlassen könne, wurde mit den üblichen Worthülsen und dem Vorwurf der „sozialen Kälte“ beantwortet.

Die Stadtverwaltung stellte in einer Sitzung des Jugendhilfeausschusses im Sommer 2008 zwar die damaligen Aktivitäten der Schulsozialarbeit vor. Eine echte Evaluation wurde bislang aber nicht vorgelegt. Zwischenzeitlich wurde der Umfang der städtischen Ausgaben für Schulsozialarbeit abermals erweitert und eine neue Stelle an der Berufsschule Kaufbeuren geschaffen.

Ende 2010 wechselte Bernhard Pohl schließlich die Seiten und stellte einen Antrag auf Berichterstattung über die aktuellen Maßnahmen zur Schulsozialarbeit in Kaufbeuren. Plötzlich kam er auch auf die Idee, die Wirksamkeit dieser Aktivitäten einer Prüfung zu unterziehen, was er 2008 noch brüsk zurückgewiesen hatte.

Der Bericht von Frau Serwoschuk in der Stadtratssitzung am 21.12.2010 offenbarte dann die Grenzen, die Sinnhaftigkeit aber auch Erfolge und Probleme der Schulsozialarbeit:

Frau Serwoschuk ist als Sozialpädagogin an der Gustav-Leutelt-Schule tätig und zwar für die Fünften bis Neunten Klassen. Schulsozialarbeit findet in Kaufbeuren nur an einigen Hauptschulen und neuerdings auch an der Berufsschule sowie an der Sophie-La-Roche-Realschule statt, nicht aber an den Grund- und Förderschulen. Auf meine Nachfragen bestätigte Frau Serwoschuk zwei sehr wichtige Sachverhalte:

  1. Die Schulsozialarbeit kann in vielen Fällen psychischer, psychosomatischer und krankheits- oder entwicklungsbedingter Probleme von Jugendlichen Ansprechpartner vermitteln, Beratungs- und Aufklärungsarbeit leisten und daher für die Betroffenen selbst und den jeweiligen Schulerfolg hilfreich sein. Die Schwierigkeit besteht aber meist darin, dass die jeweiligen Fälle weit, manchmal auch zu weit fortgeschritten sind, da Schulsozialarbeit erst in der Fünften Klasse angeboten wird. Das Fazit zu diesem Punkt lautet also: Wenn schon Schulsozialarbeit, dann wenigstens bereits in der Grundschule. In der Berufs- und Realschule greifen die Beratungs- und Gesprächsangebote aber jedenfalls größtenteils nicht mehr.
  2. Schulsozialarbeit kann keine disziplinarischen Maßnahmen verhängen und tut sich im Umgang mit wirklichen Problemschülern, die durch ständiges Stören des Unterrichts, durch ungebührliches Benehmen oder sogar durch Gewalttaten gegenüber Mitschülern auffallen sehr schwer. Da sich das Angebot vor allem auf Hilfestellungen und die Vermittlung weiterer jugendamtsspezifischer Maßnahmen der Jugendhilfe konzentriert, kann Schulsozialarbeit ausgerechnet bei der Gruppe von Jugendlichen, die innerhalb und außerhalb der Schule am meisten Probleme bereiten kaum Abhilfe schaffen.

Das generelle Fazit lautet für mich daher:

Die Betreuung von Schülern, die mit Entwicklungsstörungen, mit Problemen im Elternhaus, mit Lern- oder sonstigen Behinderungen oder mit psychischen oder physischen Erkrankungen zu kämpfen haben, kann und wird durch die Schulsozialarbeit bewerkstelligt werden. Ich nenne diese Fallkategorie der Einfachheit halber „Schüler mit Entwicklungsstörungen oder krankheitsbedingten Beeinträchtigungen“. Ob die Zahl dieser Fälle in den zurückliegenden Jahren signifikant zugenommen hat bzw. ob durch die Beratung und Betreuung seitens der Schulsozialarbeit Verbesserungen (z.B. die Verhinderung von späteren Heimunterbringungen) zu verzeichnen sind, wurde nicht nachgewiesen. Ich bin der Überzeugung, dass ein rechtzeitiger Wechsel dieser Schüler mit Entwicklungsstörungen oder krankheitsbedingter Beeinträchtigungen in eine Förderschule den Interessen der Betroffenen am besten gerecht würde. Die zweite Kategorie bezeichne ich als Fälle vorsätzlicher, den Schulerfolg beeinträchtigender Verhaltensweisen, die entweder in die Verantwortung des Schülers selbst fallen – vor allem bei fortgeschrittenem Alter – oder in die Verantwortung des Elternhauses. Darunter ist auch bewusste Lernverweigerung zu verstehen, z.B. ein gehöriges Desinteresse, die Landessprache zu erlernen. Schulsozialarbeit kann diesen Fällen ebenso wenig gerecht werden, wie sonstige sozialstaatliche Unterstützungen, da es sich meist um vorsätzlich normdeviantes Verhalten handelt. Inwieweit Schulsozialarbeit tatsächlich unverzichtbar oder erfolgreich ist, bleibt daher weiterhin ungeklärt.

Mein Kollege Karl-Georg Bauernfeind und ich äußerten uns im Verlauf der Debatte noch zu einem anderen Aspekt dieses Themas:

Aus den Äußerungen der Vertreter der SPD und der Grünen gewannen wir zurecht den Eindruck als ob man dort in allen Formen staatlicher oder kommunaler Sozialarbeit nicht nur ein Allheilmittel gegen alle Arten von sozialen Problemen sah, sondern die möglichst vollständige Ablösung der elterlichen Erziehungsrechte und -pflichten regelrecht herbeisehnt, indem man die öffentliche Betreuung von Kindern und Jugendlichen möglichst grenzenlos ausdehnt. Unser Eindruck ist, dass die zweifellos vorhandenen Problemfälle gerne hervorgekehrt werden, um jede Form der Staatserziehung aus rein ideologischen Gründen forcieren zu können.

Ich freue mich daher, dass mein Fraktionskollege Karl-Georg Bauernfeind klare Worte fand und die Position unserer Fraktion verdeutlichte indem er darauf hinwies, dass es uns lieber ist, wenn wir die Schulsozialarbeit nicht bräuchten und die Eltern ihrer Aufgabe gerecht würden. Der Sozialstaat hat nicht nur die Grenzen seiner finanziellen Leistungsfähigkeit längst überschritten. Er darf allein deshalb nicht weiter ausgedehnt werden, um nicht die Eigenverantwortung des Einzelnen und die natürliche Fähigkeit zur eigenen Anstrengung weiter zu schwächen. Die Zukunft kann nicht darin bestehen immer noch mehr Betreuer, Sozialarbeiter und Sozialpädagogen mit dem Geld der Steuerzahler zu beschäftigen, wie dies offenbar SPD, Grünen und Freien Wählern vorschwebt. Wo sollte eine solche Entwicklung letztlich enden?


Dr. Thomas Jahn, 30.12.2010