Montag, 21. März 2016

Rede zum Festakt "70 Jahre Neugablonz"

Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Mitbürger,

im Namen des Gablonzer Heimatkreises darf ich Sie sehr herzlich zu unserer heutigen Festveranstaltung und Ausstellungseröffnung „70 Jahre Neugablonz“ begrüßen.

Mein erster Gruß gilt Herrn Oberbürgermeister Stefan Bosse, Herrn Bürgermeister Bucher und dem Abgeordneten des Deutschen Bundestages Stephan Stracke sowie Herrn Pfarrer Krikkay.

Ich freue mich, viele Neugablonzer Mitbürger begrüßen zu können, die sich seit vielen Jahren für unsere Gablonzer Ortsgemeinschaften, für unsere Vereine, unser Museum oder für unsere örtliche Gemeinschaft einsetzen. Mein Dank gilt den Organisatoren unserer heutigen Veranstaltung, vor allem der Leiterin des Isergebirgs-Museums Frau Haupt, den Mitwirkenden der städtischen Musikschule und meiner Stellvertreterin Frau Stadträtin Pohl.

Mein abschließender Gruß gilt den anwesenden Mitgliedern des Stadtrates und der Stadtverwaltung, den Schulleitern und allen Vertretern des öffentlichen Lebens. Stellvertretend hierfür darf ich Herrn Seibt vom Bundesverband der Gablonzer Industrie begrüßen, der heute Herrn Peter vertritt und später noch zu uns sprechen wird sowie Herrn Hortig als Leiter der Gustav-Leutelt-Schule, der uns später das Kooperationsprojekt „Blickwinkel“ vorstellen wird.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

der Gründung von Neugablonz, das vor 70 Jahren noch „Kaufbeuren-Hart“ hieß, ging die Vertreibung der Gablonzer und Isergebirgler aus ihrer Heimat in Nordböhmen voraus, wo vor genau 150 Jahren der Ort Gablonz zur Stadt erhoben wurde und sich anschließend rasant zum Welthandelszentrum für Glas und Modeschmuck entwickelte. Der heutige Verein Gablonzer Heimatkreis versteht sich als Zusammenschluss der entweder noch im ehemaligen Landkreis Gablonz geborenen Sudetendeutschen oder der nach der Vertreibung geborenen Nachkommen. 

Der Gablonzer Heimatkreis versteht sich auch als Bindeglied zwischen der alten Heimat und den  identitätsbewahrenden, kulturellen Institutionen der Gablonzer, allen voran der Stiftung Isergebirgs-Museum, der Leutelt-Gesellschaft, dem Gablonzer Mundartkreis oder dem Ortsbildungsausschuss. Seit 1977 haben die musealen Sammlungen, Archive und die Zusammenkünfte der Gablonzer mit dem Gablonzer Haus auch eine echte Heimstätte gefunden.  

Wie schon erwähnt, hat das heutige Jubiläum „70 Jahre Neugablonz“ natürlich seinen Ausgangspunkt in Alt-Gablonz. Diese Erinnerung hat deshalb mehrere Seiten: Eine wird durch die Trauer über den Verlust der Heimat bestimmt, die andere Seite ist der berechtigte Stolz auf eine erstaunliche Aufbauleistung aus dem sprichwörtlichen Nichts und eine weitere Seite wird durch die Sorgen vor einer krisengeschüttelten, ungewissen Zukunft geprägt.

Der Gablonzer Heimatkreis hat bei der Erinnerung an die Zeit vor der Vertreibung immer großen Wert auf einen umfassenderen Blick gelegt und begeht deshalb schon seit vielen Jahren regelmäßig im März den sogenannten Tag des Selbstbestimmungsrechts, um an den eigentlichen Ausgangspunkt für den späteren Verlust der Heimat zu erinnern – denn nach dem Ersten Weltkrieg wurde 1919 durch die Friedensverträge von St. Germain und Versailles mit Österreich-Ungarn ausgerechnet ein Staat von der Landkarte getilgt, der zwar nicht frei von Problemen war, der seinen Völkern aber mehr Freiräume bot, als alle seine späteren Nachfolgestaaten. In Versailles und St. Germain wurde deshalb die Saat für den Zweiten Weltkrieg und die Vertreibung der Deutschen aus Ost- und Mitteleuropa, als das Ergebnis des Vordringens der Roten Armee und des militärischen Zusammenbruchs Deutschlands im Jahre 1945, gelegt.    

Unter vielen Entbehrungen bauten die Gablonzer seit 1946 ihre Industrie und den heutigen Stadtteil Neugablonz aus dem Nichts auf. Diese unglaubliche Aufbauleistung, die ab 1948 ganz Westdeutschland erfasste, war tatsächlich kein „Wirtschaftswunder“ wie es später immer wieder genannt wurde. Aufgabe der historischen Forschung, auch in unseren regionalen Institutionen, wie dem Isergebirgs- oder dem Stadtmuseum, ist es, die wesentlichen Ursachen für das sogenannte „Wirtschaftswunder“ zu ergründen und darzustellen. Es ist untrennbar mit zwei Daten und einer Person verknüpft, nämlich mit Ludwig Erhard, der am 19. Juni 1948 als Wirtschaftsdirektor der drei westlichen Besatzungszonen völlig eigenmächtig und ohne Rücksprache mit den West-Alliierten über den Rundfunk die Abschaffung der Zwangsbewirtschaftung mit behördlich bestimmter Preisbindung verkündete so dass am 20. Juni, am Tag der Währungsreform mit der D-Mark   eine freie Marktwirtschaft ihre grandiose Überlegenheit über alle dirigistischen und bürokratistischen Zwangsapparate unter Beweis stellen konnte. Westdeutschland war damit allen anderen westeuropäischen Volkswirtschaften um Jahre voraus, wo Bezugsscheinsysteme und planwirtschaftlicher Preisdirigismus, wie z.B. in Großbritannien erst 10 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg abgeschafft wurden. Freie Preise, niedrige Steuern und Erhards Kampf gegen Lobbyisten und reglementierende, bürokratische Eingriffe in die Wirtschaft ließen auch dem Fleiß, der Eigeninitiative und dem Einfallsreichtum der Gablonzer den nötigen Freiraum um Wohlstand für Alle zu schaffen. Erhards denkbar einfaches Freiheitskonzept bezeichnete er selbst als „Soziale Marktwirtschaft“, die er richtigerweise wie folgt definierte: "Je freier die Wirtschaft, umso sozialer ist sie auch."

2016 ist der Optimismus der 50er und 60er Jahre leider größtenteils verflogen. Im Berliner Kanzleramt regiert die personifizierte Unvernunft. Ein einseitiges Meinungskartell aus unkritischen öffentlich-rechtlichen Medien und vielen bürgerfernen Politikern ignoriert die  echten Sorgen und Ängste der Menschen. Wir hoffen sehr, dass Deutschland nicht erst wieder in Trümmern versinken muss, bevor Freiheit, Vernunft und Recht – wie vor 70 Jahren – wieder der Weg geebnet wird.


Wir freuen uns nun auf das Grußwort unseres Oberbürgermeisters und anschließend auf das Grußwort von Herrn Stracke. Danach hören wir das Saxophon-Ensamble der städtischen Musikschule und danach wollen wir verdiente Gablonzer Mitbürger eine Ehrung zuteil werden lassen, bevor wir dann die Rede von Herrn Seibt, vom Bundesverband der Gablonzer Industrie hören. 

Dr. Thomas Jahn, Neugablonz (Gablonzer Haus), den 18.03.2016  

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